Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

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Lemireyha
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Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

Beitragvon Lemireyha » 15.12.2017, 02:10

Schönen guten Abend in die Runde!
Ich habe aus Recherchegründen eine Frage zu der Weitergabe/Vererbung von Wappen im 16. Jahrhundert in England; vielleicht kann mir jemand dabei helfen. Ich fürchte, die Frage ist etwas zu speziell, sodass ich hier im Forum (sonst bitte ein Hinweis, wenn ich etwas übersehen haben sollte!) und in meiner Literatur leider bisher nichts Konkretes gefunden habe...

Genauer geht es um das Wappen englischer Ritter im 16. Jahrhundert.
Was mich interessieren würde, wäre, ob es so etwas wie das klassische "Familienwappen" gab, das über mehrere Generationen und von allen Mitgliedern (Vater, Söhnen usw.) geführt werden konnte und sich erst im Einzelfall (etwa durch den Erhalt eines Ritterschlags) lediglich im Detail änderte (wie etwa durch eine andere Helmform o.Ä.)?

--> Wenn z.B. der Sohn eines Ritters selbst einen Ritterschlag erhielt, bekam dieser somit ein eigenständiges Wappen oder führte er dasselbe Wappen wie sein Vater? Und wie würde die Lage aussehen, wenn der Sohn keinen Titel erhalten würde?

Ich hoffe, ich frage nicht zu viel auf einmal :wink: , aber es wäre mir eine sehr große Hilfe, wenn jemand darauf eine konkrete Antwort wüsste!

Danke und einen schönen Abend!
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Markus
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Re: Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

Beitragvon Markus » 15.12.2017, 13:29

Ohne mich wirklich im Detail auszukennen, aber die englische Heraldik zeichnet sich m. W. durch ein ausgeklügeltes System von Beizeichen aus, besonders häufig zu sehen ist da der Turnierlatz oder -Kragen, der wiederum mit Symbolen belegt werden kann; d. h. es gibt ein unveränderliches Stammwappen, dass mit unterschiedlichen Beizeichen belegt wird. Es mag aber noch andere Systeme geben.
Heraldische Grüße
Markus

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Tejas552
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Re: Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

Beitragvon Tejas552 » 15.12.2017, 14:13

Grundsätzlich werden und wurden Wappen in England über die männliche Linie weitergegeben. Für Töchter gab es die Möglichkeit der Wappenkombination (Marshalling), also der Kombination des väterlichen Wappen mit jenem des Ehemannes.

Für die Söhne gibt es das "system of cadency", dass die Erbfolge durch Zeichen (brisures) anzeigt. Der Erbe ersten Ranges, also derjenige der den Titel erbt, führte das väterliche Wappen mit einem "Lapel" (Turnierkragen). Dies kann man z.B. im Wappen von Prince William sehen. Die nächste "brisure of cadency" ist der Halbmond. Dann geht es weiter bis zur "ninth brisure of cadency" dem Octofoil (einer Art Blüte).

Wenn nun der Erbe ersten Ranges das Erbe antritt, d.h. wenn der Vater gestorben ist und sein Sohn den Titel übernimmt, dann entfällt der Turnierkragen, der dann auf einen allfälligen Sohn des Erben übergeht usw.

Gruss
Dirk
Zuletzt geändert von Tejas552 am 15.12.2017, 16:07, insgesamt 2-mal geändert.
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Jochen
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Re: Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

Beitragvon Jochen » 15.12.2017, 14:37

Wenn der Vater ein Knight ist, der Sohn aber nicht, führt der Vater einen Visierhelm, der Sohn aber einen Stechhelm (und das Beizeichen seiner Position in der Erbfolge, wie meine Vorredner schon ausgeführt haben).

Wird der Sohn selbst geknightet, dann erhält auch er das Recht, den höherrangigen Helm zu führen.

Wir reden jetzt allerdings von der Gegenwart. Ob die Helmregelung im 16.Jhdt. in dieser Form bereits so gehandhabt wurde, müßte man überprüfen.
Alles Gute all jenen, die Gutes im Schilde führen !

jochen

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Tejas552
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Re: Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

Beitragvon Tejas552 » 15.12.2017, 15:13

Das Royal College of Arms hat sogar schon die Wappenführung bei gleichgeschlechtlichen Ehen geregelt. Die Engländer sind uns echt einen Schritt voraus.

http://www.college-of-arms.gov.uk/resou ... -marriages

Interessant sind auch die Fälle des Court of Chivalry. Vielfach ging es wohl darum, wer das Recht auf ein besonders schlichtes Wappen hatte, also ein Wappen mit wenigen Symbolen und ohne "brisures", da diese als alte Stammwappen einen besonders hohen Rang signalisieren konnten.
Von 1385 bis 1390 wurde der Fall von Sir Richard le Scrope verhandelt, der einen Anspruch auf das sehr schlichte Wappen "azure a bend or", (in blau ein goldener Schrägbalken)" erhob.

Im Gegensatz zur heutigen Praxis, bei der Stifter häufig bemüht sind ihre Namen, Familiengeschichte, Berufe, Hobbies, Haustiere und sonstige Vorlieben, durch eine möglichst grosse Zahl an Symbolen im Wappen zu verewigen, stritt sich der englische Adel im Mittelalter offenbar bevorzugt um das Wappen mit den wenigsten Symbolen.

Gruss
Dirk
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Englische Wappen, 16. Jahrhundert

Beitragvon Joachim v. Roy » 15.12.2017, 17:08

Die mir vorliegende „Heraldic Scroll of England and Wales“ (extracted from Burke's GENERAL ARMORY,
1 8 8 4) weist mehrere Hundert Wappenschilde auf, welche ich als „klassische Familienwappen“ bezeichnen würde. Welche dieser Wappen bereits im 16. Jahrhundert existierten, vermag ich nicht
zu erkennen und wäre im Einzelfall zu prüfen.

Freundliche Grüße vom Rhein

Lemireyha
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Re: Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

Beitragvon Lemireyha » 15.12.2017, 18:24

Super, vielen Dank schon mal für die fixen Antworten, das hilft mir enorm! :D
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Tejas552
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Re: Vererbung eines Wappens im England des 16. Jahrhunderts

Beitragvon Tejas552 » 08.01.2018, 09:17

Tejas552 hat geschrieben:Das Royal College of Arms hat sogar schon die Wappenführung bei gleichgeschlechtlichen Ehen geregelt. Die Engländer sind uns echt einen Schritt voraus.

http://www.college-of-arms.gov.uk/resou ... -marriages

Interessant sind auch die Fälle des Court of Chivalry. Vielfach ging es wohl darum, wer das Recht auf ein besonders schlichtes Wappen hatte, also ein Wappen mit wenigen Symbolen und ohne "brisures", da diese als alte Stammwappen einen besonders hohen Rang signalisieren konnten.
Von 1385 bis 1390 wurde der Fall von Sir Richard le Scrope verhandelt, der einen Anspruch auf das sehr schlichte Wappen "azure a bend or", (in blau ein goldener Schrägbalken)" erhob.

Im Gegensatz zur heutigen Praxis, bei der Stifter häufig bemüht sind ihre Namen, Familiengeschichte, Berufe, Hobbies, Haustiere und sonstige Vorlieben, durch eine möglichst grosse Zahl an Symbolen im Wappen zu verewigen, stritt sich der englische Adel im Mittelalter offenbar bevorzugt um das Wappen mit den wenigsten Symbolen.

Gruss
Dirk



Ich habe zur obigen Nachricht noch eine kleine Ergänzung. Ich schaue gern die britische TV Serie "Fake or Fortune". Darin versucht ein Team die Echtheit von Kunstwerken zu nachzuweisen, bzw. sie als Fälschung zu entlarven. Einer der Teammitglieder heisst Bendor Grosvenor. Der obengenannte Fall von 1385 bis 1390 in dem Sir Richard le Scrope einen Anspruch auf das schlichte Wappen "azure a bend or", (in blau ein goldener Schrägbalken)" erhob, richtete sich gegen die Grosvenor-Familie. Bei den Grosvenors wurde das Wappen, bzw. der Blason zunächst zum Spitznamen und dann zum Personennamen "Bendor" also "bend or". Ziemlich kurios was?

Gruss
Dirk
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